Die Orgel heute


Nach jahrelangen Beratungen zwischen dem Ältestenkreis unter Pfarrer Dieter Bender und dem Kantor an der Stadtkirche, Hans Peter Eisenmann, einerseits sowie dem landeskirchlichen Orgelsachverständigen, KMD Heinrich R. Trötschel, und den Vertretern von staatlicher Liegenschaft und Denkmalsamt, konnte der Ältestenkreis der Michaelsgemeinde im Juni 1985 der Werkstatt Georges Heintz, Schiltach im Schwarzwald, den Auftrag zum Bau einer neuen Orgel für die Evangelische Stadtkirche Rastatt erteilen. Das Opus 95 der Werkstätte Heintz hat seinen Platz im Chorraum der Kirche und erfüllt damit augenfällig die Einheit von Wort und Musik im Dienste der Verkündigung. Neben den liturgischen Aspekten sprachen auch akustische und optische Gründe für diesen Standort, da bis zur Auflösung des Klosters der Hochaltar im Chorraum einen optischen Mittelpunkt gebildet hatte. Das Instrument vereinigt 35 klingende Register mit 8 selbständigen Vorabzügen auf vier Manualen und Pedal. In einem Festgottesdienst übergab am 20. Dezember 1987 der damalige Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt die restaurierte Kirche und die neue Orgel der evangelischen Michaelsgemeinde.

Das fünfachsige Gehäuse entwickelten Orgelbaumeister Georges Heintz und KMD Burkhard Goethe als Sachberater aus den technischen Erfordernissen der Disposition. Der Typus ist in die oberrheinische Orgellandschaft mit den zahlreichen Einflüssen der Straßburger Silbermann-Schule eingebunden. Orgelbautechnisch handelt es sich um einen sogenannten „Grossen 12-Fuß-Prospekt“ mit einem 6’-Rückpositiv, da im Hauptgehäuse der Prinzipal 16’ ab G, im Rückpositiv der Prinzipal 8’ ab G sichtbar sind. Die Proportionen des Gehäuses folgen alten, traditionell angewandten Vorbildern.

Das Hauptwerk (I. Manual) verfügt über einen Prinzipalchor auf 16’-Basis, das Rückpositiv (II. Manual) über Prinzipale ab 8’, jeweils mit charakteristischen Flöten, Farbregistern und Zungenstimmen angereichert. Das dritte Manual, das Récit, steht über dem Hauptwerk in einem Kasten, der nach vorn durch vertikale Lamellen verschlossen werden kann und feine Klangdifferenzierungen gestattet (sog. Schwellkasten). Das Récit der Heintz-Orgel ist eine Synthese zwischen dem klassischen französischen Récit und dem daraus entstandenen „kleinen Récit expressif“ der frühen Cavaillé-Coll-Orgeln, das weniger durch Volumen als durch Farbnuancen und Intensität geprägt ist. Das vierte Manual, Résonance, ist ebenfalls schwellbar und bildet einen Kompromiß zwischen kräftigem Schwellwerk mit Zungen in 16’, 8’ und 4’ Lage und einem Prinzipalchor ab 8’ mit Bourdon 16’. Vorbilder für solche Anlagen finden sich hauptsächlich in Frankreich (St. Maxim, Reims, Paris). Aus ökonomischen Gründen ist dieses Werk auch einen Teil des Pedalwerks. Hinter dem Hauptgehäuse stehen auf einer eigenen Windlade die Register des „Großpedals“: Flûte 16’, Bourdon 8’ und Bombarde 16’. Die nötige Luft erhalten die Pfeifen aus vier Keilbälgen, die ein Elektromotor speist.
Um die Orientierung am Spieltisch zu erleichtern, sind die Registerzüge mit gleichen Indizes versehen. Die Register sind vertikal nach Werken und horizontal nach Gruppen angeordnet. In der Mitte, durch einen weißen Registerknopf gekennzeichnet (hier farbig wiedergegeben), befindet sich der Prinzipal 8’, darüber die andern Prinzipale mit Mixturen, darunter die Flöten, Aliquote und Zungen. Die Register sind am Spieltisch wie folgt angeordnet (die Vorabzüge sind kursiv gesetzt, die Manuale liegen zwischen den Registerzügen von Grand’Orgue und Positif und haben einen Umfang von C-a³, das Pedal von C-f1): 

Die Disposition heute

Zusammensetzung der gemischten Stimmen:
I. Manual, Plein jeu V:

C 2’ 11/3 1’ 2/3 ½’
c 22/3’ 2’ 11/3 1’ 2/3
c1 4’ 22/3 2’ 11/3 1’
51/3’ 4’ 22/3 2’ 11/3
8’ 51/3 4’ 22/3 2’

I. Manual, Cymbale III

C 2/3 ½’ 1/3
d 1’ 2/3 ½’
d1 11/3 1’ 2/3

2’ 11/3 1’

22/3 2’ 11/3

II. Manual, Fourniture IV

E 11/3 1’ 2/3 ½’
e 2’ 11/3 1’ 2/3
e1 22/3 2’ 11/3
4’ 22/3 2’ 11/3
8’ 4’ 22/3 2’

III. Manual, Plein jeu harmonique II-V

C


2’ 11/3
c

22/3 2’ 11/3
c1
4’ 22/3 2’ 11/3
51/3 4’ 22/3 2’ 11/3

III. Manual, Carillon III

C 2’ 13/5 11/3
c1 22/3 2’ 13/5

© März 2003, Markus Zepf