Orgelgeschichte der Heintz Orgel

So bewegt die Geschichte der Evangelischen Stadtkirche ist, so vielfältig gestaltet sich auch die Orgelgeschichte dieses Gotteshauses. Zur Einweihung der Kirche am 30. Mai 1717 hatte Johann Georg Rohrer, ein Bruder des 1707 zum Hofbaumeister der Markgräfin aufgestiegenen Architekten aus Böhmen, eine nicht näher bezeichnete Orgel für die Franziskanerkirche gefertigt, die bereits 1718 reparaturbedürftig wurde und 1723 ihren vierten Umbau erfahren hatte. Nachrichten über dieses Instrument sind nur in negativem Kontext auf uns gekommen. 1758 fertigte Hofschreiner Martin Eigler für diese Orgel ein neues Gehäuse, dessen Hölzer Markgraf Ludwig Georg dem Franziskanerkonvent schenkte. Dieses Instrument bestand bis zur Auflösung des Konvents am 30. Juni 1805 und wurde für 211 fl (Gulden) an Ferdinand Stieffel verkauft.

Die evangelische Gemeinde feierte ihre Gottesdienste seit 1777 im ehemaligen Bibliothekssaal des Schlosses. Hofdiakon Johann Leonhard Walz ersuchte im Juni 1784 seinen Landesherrn, Markgraf Carl Friedrich in Karlsruhe, für den Bibliothekssaal eine Orgel erbauen zu lassen. Unter dem 28. Juni 1784 berichtet das „geheime Cabinettsprotokoll“: „Seie demselben [Johann Leonhard Walz]… aufzutragen, von dasigem Orgelmacher Stiefel einen Überschlag über ein zufertigendes neues Orgelwerck zu verlangen, und solchen sofort einzuschicken.“ Ferdinand Stieffel aus Würzburg hatte zusammen mit Johann Ignaz Seuffert 1765 die erhaltene Orgel für die katholische Schloßkirche in Rastatt erbaut. 1767 wurde Stieffel Bürger in Rastatt.

Am Himmelfahrtstage 1786 konnte die evangelische Gemeinde die neue Orgel weihen. Die ursprüngliche Disposition ist nicht überliefert, kann aber durch Hinweise in Akten und die Disposition der zeitgleich für Neusatz bei Bühl erbauten Stieffel-Orgel rekonstruiert werden. Die evangelische Gemeinde, 1804 zur Hofpfarrei ernannt, bezog 1807 auf fürstliches Geheiß die zwei Jahre zuvor säkularisierte Franziskanerkirche. Ferdinand Stieffel hatte die Orgel aus dem Bibliothekssaal in die Kirche überführt und auf neun Register erweitert. Anstelle der Rohrflöte 4’ baute Stieffel ein Krummhorn 8’ ein und veränderte das Pedal. Die Orgel hatte jetzt folgende Disposition:

Die "ursprüngliche" Disposition

In dieser Gestalt erklang das Werk am 4. November 1807 zum ersten Gottesdienst in der neuen Kirche der evangelischen Gemeinde.


Vorlage: Stadtarchiv Rastatt

Bis 1835 hatte sich die Klangästhetik verändert und die kleine Orgel konnte die Vorstellungen der Gemeinde nicht mehr befriedigen. Stadtpfarrer Gustav Lindenmeyer beantragte bei der Hofdomänenkammer, die für Orgel und Kirche baupflichtig war, einen klanglichen Umbau, um den Orgelklang dem Zeitgeschmack etwas näher zu bringen.

… die wenigen Register sind … fast sämtliche so stark, scharf, schreiend und schnarrend, daß eine würdige, sanfte Orgel Begleitung des Gesangs der kleinen Kirchengemeinde unmöglich wird; die Register Quint, Crummhorn u. Mixtur u. der grelle Trompet Baß machen ihre Hauptbestandteile aus, u. sind weit mehr geeignet, die Gemeinde zu erschrecken und das Gehör zu beleidigen, als eine kirchliche, andächtige Stimmung, wie es doch die Heiligkeit des Orts u. der Zweck der Versammlung erfordert, hervorzubringen (1).

Die Domänenverwaltung lehnte im Januar 1836 diesen Umbau ab, da das Instrument „weder baufällig noch sonst mangelhaft sei, und nur darüber geklagt wurde, daß sie dem Geschmack der Kirchen Gemeinde nicht entspreche“. Trotz mehrfacher Umbaugesuche von Seiten der Gemeinde versah diese Orgel bis zum Ende des Jahrhunderts ihren Dienst. 1884 forderte der landeskirchliche Orgelrevisor Andreas Barner einen Umbau, der schließlich nach der grundlegenden Renovation der Kirche 1890/91 zugunsten eines Neubaus unterblieb. Im Februar 1899 erhielt die bekannte Durlacher „Orgelfabrik Heinrich Voit & Söhne“ den Auftrag, ein neues Werk mit 18 Registern auf zwei Manualen und Pedal zu bauen, das Andreas Barner am 23. Dezember 1899 prüfte:

Die Disposition von 1899

Bereits im heißen Sommer 1911 machten sich erste Störungen bemerkbar, 1913 mußte die gesamte Orgel renoviert und instand gesetzt werden. Bei dieser Gelegenheit installierte Voit einen Elektromotor auf dem Speicher, der nun das Werk mit Luft versah. Gleichzeitig ersetzte er die Klarinette 8’ im I. Manual durch das Quintatön 8’ im II. Manual (das durch ein Gedeckt 8’ ersetzt wurde) und stellte den Bourdon 8’ zu einem Lieblich Gedackt 16’ um. Im Pedal gewann Voit durch Windabschwächung des Subbaß 16’ einen Gedecktbaß 16’. Trotz dieser Veränderungen vermochte das Werk klanglich nicht zu befriedigen. 1927 baute die Überlinger Werkstatt F. W. Schwarz links neben das Voitsche Gehäuse ein Schwellwerk in einem schlichten Holzkasten und veränderte die Disposition im Sinne der aufkommenden Orgelbewegung, die vom romantisch-grundtönigen Klang hin zu barocken Klangvorstellungen des 18. Jahrhunderts strebte. Eine dreichörige Echomixtur im neuen Schwellwerk war in ihre Bestandteile zerlegt, diese konnten einzeln zugezogen werden. Die Orgel hatte jetzt 24 Register auf zwei Manualen und Pedal.

Die Disposition von 1927

 Im Juli 1935 bescheinigte der kirchliche Orgelsachverständige, Wilhelm Rumpf: „Die Orgel, die auch äußerlich, einen sehr guten und gepflegten Eindruck macht, ist wohl das am besten instand befindliche Werk des Dekanats Baden. Der Spieltisch ist übersichtlich angelegt. … Es ist eine Freude, die Orgel zu spielen. Ansprache und Intonation sind hervorragend.“

Doch zehn Jahre später hatte sich die Situation grundlegend geändert. Den klanglichen Ansprüchen konnte diese Orgel nicht gerecht werden, die mangelnde Pflege während des Krieges und der entbehrungsreichen Nachkriegsjahre sowie die 1942 teilweise abgelieferten Orgelpfeifen setzten dem Instrument sehr zu.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich im Zuge der wiederauflebenden Orgelbewegung das Klangideal zugunsten norddeutscher Barockorgeln des 17. Jahrhunderts Bahn gebrochen, die zu massenweisem Abbruch romantischer Orgeln und der klanglichen Verstümmelung nicht ideologie-konformer Instrumente führte. Aus diesem Geist heraus entfernte man im Zuge der Innenrenovierung der Kirche zwischen 1956 und 1958 die Voit-Schwarz-Orgel. Die Gemeinde bestellte 1960 eine neue Orgel bei der bayrischen Orgelwerkstätte G. F. Steinmeyer in Oettingen. Zeitgleich mit der großen Orgel für St. Michaelis in Hamburg (Opus 2000) entstand dort als Opus 1996 eine dreimanualige Orgel mit 33 Registern nach den klanglichen und technischen Vorstellungen von Kirchenmusikdirektor Wilhelm Rumpff. Das Programmheft zur Orgelweihe am 11. September 1960 schreibt über diesen Neubau überschwenglich:

„Die neue von der Orgelbaufirma G. F. Steinmeyer in Oettingen/Bayern in der erstaunlich kurzen Zeit von fast nur einem halben Jahr erbaute Orgel der Evang. Stadtkirche tritt an die Stelle der im Dezember 1957 auf Anlaß der totalen Renovierung des Kirchenraumes entfernten alten Orgel…

Beim Umbau der Kirche wäre ohnehin aus liturgischen Gründen eine totale Überholung und ein vollständiger Umbau der Orgel angefallen. Die ganze pneumatische Traktur, die nur sehr schleppend ansprach und im Spiel unpräzis verschwommen wirkte, hätte einen neuen elektrischen Spieltisch und einen gänzlichen Umbau der Windlade auf elektrische Auslösung erforderlich gemacht. Gleichzeitig war dringendes architektonisches Anliegen, bei der Raumgestaltung der neuen Kirche das bisher durch den Mittelteil der Orgel ganz verbaute Mittelfenster wieder freizulegen und in seiner belebenden Wirkung für den Kirchenraum zu erhalten. Das war nur durch eine vollständige Neugestaltung der Orgel möglich.

Da eine totale Renovierung des alten Werkes einen Kostenaufwand von fast ¾ einer ganz neuen Orgel erfordert hätte, entschloß sich der Kirchengemeinderat zu einer ganzen Lösung, indem er mit Zustimmung der staatlichen Bauherrschaft durch Vertragsabschluß vom Februar 1960 mit der Fa. G. F. Steinmeyer in Oettingen den Bau einer vollständig neuen Orgel in Auftrag gab, die in der architektonischen Gestaltung als krönender Abschluß sich harmonisch in den erneuerten Kirchenraum einfügt und liturgisch in der Wahrung der echten alten Orgeltradition zugleich den Erfordernissen der heutigen Zeit entspricht.

Vorlage Orgelbau Steinmeyer, Oettingen (Obb.)


Die Orgel ist elektro-pneumatisch (d. h. beim Niederdrücken einer Taste im Spieltisch wird durch einen Magneten ein elektrischer Impuls ausgelöst, der an der Windlade unterhalb der Pfeife auf einen mit Druckluft gesteuerten Mechanismus wirkt, der den Spielwind zur Pfeife freigibt).
Sie hat 31 klingende Register nach folgender Disposition von Herrn Kirchenmusikdirektor Rumpff-Karlsruhe:“

Die Disposition von 1960

Die elektro-pneumatische Traktur galt bereits 1960 in Organistenkreisen als veraltet, da stets zwischen dem Niederdrücken der Taste und dem Erklingen des Tones geringe Verzögerungen entstehen.


Vorlage: Stadtarchiv Rastatt

 Der Orgelsachverständige des Landesdenkmalamtes Baden-Württemberg, Bernd Sulzmann, schreibt hierzu 1983 in einem Gutachten:
„1960 herrschte im Windladenbau noch keine einheitliche Linie. Kommen heute [1983] ausschließlich Schleifladen in hervorragenden Austeilungen und Verarbeitungstechniken zur Anwendung, so schwankten damals alle Betriebe zwischen der Fertigung von Schleifladen und Taschenladen. Die in Rastatt tätig gewesene Firma (die, gemessen an der damaligen Entwicklung im Orgelbau, sich ihrer Aufgabe recht solid entledigt hat) erbaute z. B. 1959 ihr Opus 1982 in Ettenheim mit elektrischen Schleifladen; ihr Opus 1996 im Jahre 1960 in Rastatt jedoch mit elektropneumatischen Taschenladen. Aus der damaligen „Aufbruchstimmung“ heraus ist es zu verstehen, daß heute die Rastatter Orgel ihrer Anlage nach nicht mehr befriedigt. Hinzukommt, daß nach 23 Jahren nun die Ledertaschen beginnen, teilweise funktionsuntüchtig zu werden.“ Die Generalsanierung der Kirche nahm die Gemeinde zum Anlaß, eine rein mechanische Orgel bei der Werkstätte Georges Heintz, Schiltach im Schwarzwald, in Auftrag zu geben.

© März 2003, Markus Zepf